5 Fragen an…: Mama Regina

Regina Andrea Mukama ist 64 Jahre alt und kommt aus der Stadt Musoma am Viktoriasee ganz im Norden Tansanias. Sie ist eine starke Frau, denn sie setzt sich für die Rechte von Frauen in ihrer Region ein und trotzt selbstbewusst den Gefahren, die Ihr dabei täglich drohen. Insbesondere kämpft sie gegen die grausame Tradition der weiblichen Beschneidung, die immer noch sehr viele Anhänger in der Region findet. Dazu hat sie eigens eine Einrichtung gegründet, die sich Jipe Moyo – zu Deutsch „Fass Dir ein Herz“ nennt. Hier bietet sie jungen Mädchen, denen die schreckliche Tortur der Beschneidung droht, einen Zufluchtsort. Es ist aber mehr als das. Hier bekommen die jungen Mädchen auch eine Schul- und Berufsausbildung, sprich eine Zukunftsperspektive, die vielen Frauen in diesem Teil des Landes oft versagt bleibt.

Vor einiger Zeit haben wir auf Facebook dazu aufgerufen, Euch zu überlegen, was Ihr eine mutige Frauenrechtlerin fragen würdet und diese Fragen gesammelt. Nun haben wir Mama Regina endlich getroffen und das ist dabei herausgekommen:

 

"Mama Regina" © Jörg Böhtling
„Mama Regina“ © Jörg Böhtling

1. Mama Regina, woher haben Sie die Kraft und vor allem den Mut sich gegen diese grausamen Traditionen zu stellen? Es gibt doch bestimmt viele Menschen, die sich Ihnen dabei in den Weg stellen?

Wenn man die Auswirkungen dieser Tradition kennt, wenn man sieht, was bei der Beschneidung geschieht, wahrscheinlich ist es das Gewissen, das einen zwingt, dagegen vorzugehen. Weil es unmenschlich ist, weil es gegen die Menschenrechte ist. Unsere Leute sind nicht gebildet genug, um von den Nebenwirkungen zu wissen. Ich selbst habe diese Schwierigkeiten in einer anderen Tradition durchlebt, die ebenso unmenschlich ist. Wann immer ich also auf diese Tradition zu sprechen komme, die die Frauen unterdrückt, erinnert mich das auch daran, was ich durchgemacht habe. Deshalb habe ich den Mut das zu tun, den Mut dagegen zu halten. Aber auf ganz einfache Art, sodass die Leute zur Besinnung kommen und die Nebenwirkungen realisieren.

 

  1. Es gibt sicherlich Gefahren, die Ihnen bei Ihrer Arbeit drohen?

Natürlich gibt es da Gefahren, weil man mit den Traditionen bricht, die schon seit Jahren existieren. Dass ist der Grund, warum wir in den Gemeinden als allererstes Bildungsprogramme vermitteln wollen. Wir greifen uns Ratsvorsteher, Lehrer, wir betreiben auch Erwachsenenbildung, sodass alle Leute erreicht werden können. Und wenn man diese Leute als Unterstützer hat, dann ist wird die Gefahr deutlich reduziert.

     Haben Sie ein Bespiel für eine konkrete Gefahr? Oder was ist das gefährlichste an Ihrer Arbeit?

Während der Beschneidungszeit kommen Leute und nehmen unsere Mädchen mit. Die Traditionswächter versuchen uns die Mädchen vom Camp zu holen. Daher bekommen wir Unterstützung seitens der Regierung. Wir haben immer die Polizei hier.

     Und eine Gefahr für Sie speziell?

Ich habe einmal einen Brief erhalten, in dem geschrieben stand, dass wenn ich weiter machen würde, wenn ich nicht aufhören würde, ihnen Steine in den Weg zu legen, dann würde ich schon sehen, was passiert. Sie hatten nicht erwähnt, was genau passieren würde. Aber als ich mit dem Brief zur Polizei ging, hörte das auf.

 

JIPE MOYO, Bernadetta © Jörg Böhtling
JIPE MOYO, Bernadetta © Jörg Böhtling
  1. Was ist notwendig, um so eine Einrichtung wie Jipe Moyo zu gründen?

Jipe Moyo ist ein Ort für Mädchen, die von ihren Eltern nicht mehr akzeptiert werden. Also brauchen sie Bildung. Diese Mädchen brauchen eine Ausbildung. Sie brauchen eine Lebensorientierung. Denn sie haben ja nun keine Mütter mehr, keine Väter. Sie haben jetzt Lehrer und diese sind nun ihre Mütter und Väter. Wir müssen diesen Mädchen Bildung ermöglichen und eine Berufsausbildung, sodass, wenn sie nicht gut in der Schule sind, wenigstens die Berufsausbildung ihnen eine Zukunftsperspektive gibt. Es gibt also zum einen die Institution, das Haus. Aber wir brauchen darüber hinaus eine Menge Bücher, wir brauchen Dinge, die zur Ausbildung wichtig sind, wie etwa Nähmaschinen, Material um Seife herzustellen, oder Material für Batiken, dem Färben von Kleidung. Wir brauchen all diese Sachen, damit die Mädchen beschäftigt sind und sie sich nicht nutzlos vorkommen, sondern merken, dass sie gebraucht werden. Wir müssen sie beschäftigen und wieder aufbauen. Beispielsweise auch mit Computern. Wir leben heute in einer modernen Welt.

 

  1. Warum ist es Ihrer Meinung nach so schwer mit den alten Traditionen zu brechen?

In Tansania und, ich denke, in allen afrikanischen Staaten sind vor allem die Frauen diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie die Traditionen von Generation zu Generation weitergeben. Das ist also tief in ihren Herzen verwurzelt. Wann immer man also gegen solche Traditionen kämpft, macht es den Anschein, als ob man die Macht der Ältesten in Frage stellt. Und damit oft auch ihr Einkommen, denn diese Tradition des Beschneidens ist auch eine Einnahmequelle. Und es ist so, dass zu der Zeit, wo die Beschneidungen stattfinden den Frauen erlaubt wird rauszugehen und mitzufeiern. Das ist sozusagen wie eine Art Urlaub für sie. Man isst, trinkt und zieht von Haus zu Haus. Das macht es sehr schwierig. Also suchen wir Alternativen für die Frauen, dass sie sich auch im Alltag mal Zeit für sich nehmen können und sehen, dass sie das nicht nur zur Beschneidungszeit tun können. Darüber hinaus versuchen wir auch ihr Arbeitspensum zu reduzieren. Dabei helfen auch neue Technologien, welche die Arbeit zu Hause erleichtern.

 

  1. Wenn Sie zur Jugend in Deutschland sprechen könnten, was würden Sie ihr mit auf den Weg geben?

Ich möchte ihr sagen, dass sie ein gutes Leben, ein glückliches Leben hat. Denn die jungen Leute können selbst entscheiden. Ihr müsst das unbedingt bewahren! Wenn ihr das verliert, werdet ihr das bereuen. Ich stehe auf, um der Jugend in Afrika, speziell bei mir in der Region, eben diese Unabhängigkeit zu vermitteln. Sodass sie über sich selbst bestimmen kann, über ihr eigenes Leben, ihren eigenen Körper und ihre eigene Zukunft.

 

 

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