Fremd sein – von Hacken und Engeln im Alltag

von Helena Funk

Fremd sein

Was heißt „fremd“ sein? Für mich wurde die Erfahrung sehr spürbar als es nach dem Abitur Richtung Tansania ging: ein Jahr leben und arbeiten in einem Dorf am Kilimanjaro. Fremd fühlte ich mich als ich kaum etwas von der Sprache verstand und somit oftmals für mich unklar war, was um mich herum passierte. Was reden die Menschen? Warum gestikuliert der Mann so stark und warum laufen jetzt einige nach vorne im Gottesdienst? Wie bringe ich den Bus zum Anhalten? Fremd fühlte ich mich, weil mir Gewohnheiten nicht vertraut waren – es kam mir fremd vor (wobei ja eigentlich ich diejenige war, die fremd war, alle anderen folgten ihrem normalen Leben). Vermutlich hat sich jeder schon mal fremd gefühlt, besonders deutlich wird es, wenn man ins Ausland geht, das vertraute Lebensumfeld hinter sich lässt.

Raus in die Welt – rein in die Fremde

Nicht-fremd sein: mit Linda (links) und Doreen (rechts) nach einem gemeinsamen Auftritt des Chores auf dem Heimweg – aufgenommen fühlen nicht nur durch einheitliche Kleidung, sondern durch gemeinsame Aktionen wie das Singen.

Mit knapp 19 Jahren, Abi in der Tasche, packte ich meinen neuen Treckingrucksack und zog bei einer Familie der Wachagga am Hange des Kilimanjaros ein. Tagsüber arbeitete ich in einem kirchlichen Projekt mit, das (Waisen-)Kinder in home-based-care betreute. Das bedeutete Gemeindearbeit, viele Menschen täglich zu besuchen, gemeinsam singen, beten und zuhören.

 

Nach einiger Zeit wurde die Fremde für mich zu einer zweiten Heimat. Es schlossen sich erste Bekanntschaften, aus denen sogar Freundschaften erwuchsen. Es war für mich hilfreich, in den Gemeindechor zu gehen, um so Kontakte aufzubauen und durch das Singen die Sprache zu lernen. Darüber eröffnete sich mir auch die Möglichkeit an Gemeindefesten teilzunehmen – als Teil des Chores, ohne als Mzungu (Europäerin) im Mittelpunkt zu stehen.

Ein Sprichwort auf Swahili sagt: Siku mbili mgeni, siku ya tatu mpe jembeZwei Tage Gast sein, am dritten Tag gebe ihm die Hacke!

Damit wird ausgedrückt, dass niemand ewig Gast sein kann. Für mich waren es die schönsten Momente, in denen ich mich nicht fremd fühlte, wenn ich Teil der Gemeinschaft sein durfte. Das erlebte ich vor allem beim gemeinsamen Erledigen alltäglicher Arbeiten oder dem Versuch diese zumindest auszuprobieren. Es versteht sich vermutlich von selbst, dass mir nicht alles auf Anhieb gelang.

Nicht nur „Fremdes“ zu „Vertrauten“ machen, sondern selber auch Dinge einbringen, die für mich Heimat ausmachen wie beispielsweise Weihnachtsplätzchen backen mit meinen Gastschwestern Winner und Nancy.

Zurückblickend betrachtet klingt das leichter als es in der Realität oftmals war: natürlich gab es auch Momente, in denen ich mich weiterhin fremd gefühlt habe. in denen ich nicht aus der Gruppe herausstechen wollte, aber alleine durch meine Hautfarbe die Aufmerksamkeit auf mich zog und mir eine Sonderrolle eingeräumt wurde. Wie oft wurde ich in Gottesdiensten nach vorne gebeten, um mich vorzustellen? Wie oft wurden mir (oder meiner Hautfarbe) Kompetenzen zugesprochen, die ich mir so nicht zugeschrieben hätte? Problematisch fand ich das insbesondere immer dann, wenn ich wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht verstand, was vor sich ging: Warum sollte ich nun nach vorne? Warum kosten die Tomaten auf dem Markt für mich mehr als für die Käuferin vor mir? Warum steigen nun alle aus dem Bus aus, obwohl wir nicht da sind, wo ich hinwollte? Im Laufe der Monate lernte ich immer mehr Swahili und verstand nach und nach besser, was vor sich ging: Ich zahlte nicht deshalb mehr, weil man mich übers Ohr hauen wollte, sondern, weil die Verkäuferin der anderen Käuferin noch Geld schuldete; und der Bus hielt an, weil etwas kaputt war. Durch den Spracherwerb wurde mir die Fremde vertrauter.

„Engel im Alltag“ – das ist der Titel eines kleinen Buches, das ich neulich geschenkt bekommen habe. Engel im Alltag waren es auch, die mir halfen, mich in der Fremde zurechtzufinden. Engel, die sich die Zeit nahmen, mir zu zeigen, wo der Bus abfährt. Engel, die die Geduld aufbrachten, mir etwas solange zu erklären, bis auch ich es verstanden hatte. Engel, die mich zu gemeinsamen Aktivitäten einluden. Engel, die mich im Chor willkommen hießen. Ich denke, um sich die Fremde zum Zuhause zu machen, sind es neben der Eigenmotivation, die Sprache zu lernen und sich einzugliedern, ganz besonders diese Personen, die Engel im Alltag, die einen die Fremde vergessen lassen und stattdessen ein Heimatgefühl geben.

 

Heimat in die Fremde bringen

In der Fremde sein, hieß für mich auch, dass es nicht nur darum geht, Einblick in das Leben in Tansania zu bekommen. Es kann durchaus auch Kulturaustausch sein: Groß war das Interesse, deutsche Worte zu lernen oder gemeinsam Plätzchen zu backen. Da für mich die Weihnachtsbäckerei ein wesentlicher Teil der Vorweihnachtszeit ist, freute ich mich, so nicht nur mich selber in Weihnachtsstimmung zu versetzen, sondern auch anderen durch Einblicke in meine Heimat eine Freude zu machen.

Fremde und Heimat – umgekehrt

„Fremd“ sein mal spiegelbildlich erleben: Während der Kampagne zum Weltmissionssonntag 2015 mit dem Schwerpunktland Tansania als WMS-Praktikantin mit dem Chor aus Ndanda unterwegs in Deutschland.

Nach meiner Rückkehr aus Tansania fing ich mein Studium an, mein Interesse an Tansania und der Sprache Swahili war aber weiterhin geweckt. So hatte ich dann das Glück, verschiedene Jugendliche und Erwachsene aus Tansania in Deutschland begleiten zu dürfen. Ich half Weltwärts-Incoming-Freiwilligen, Jugendlichen bei Begegnungstreffen und Sängerinnen und Sängern einer Besuchergruppe aus Ndanda zum Weltmissionssonntag sich in Deutschland zurecht zu finden. Alle diese Begegnungen hatten gemeinsam, dass mir praktisch spiegelbildlich deutlich wurde: vieles, was für uns so selbstverständlich war, wurde hinterfragt – oftmals wusste ich keine Antwort: Warum stehen bei uns so viele nackte Skulpturen? Warum fließt Wasser im Park herum, ohne einen Zweck zu erfüllen, nur weil es „schön“ aussieht?

Doch auch hier hatte ich das Gefühl, dass das fremd sein aufhörte, wenn wir gemeinsame Aktionen gemacht haben – alltägliche Dinge, wie gemeinsam Kochen, Rasenmähen oder gemeinsam Gottesdienst feiern. Wieder frei nach dem Motto: Siku mbili mgeni, siku ya tatu mpe jembe. Eine Zeit lang Gast sein, sich von der Reise erholen und erstmal ein bisschen beobachten, schadet bestimmt nicht, aber wohler wird es (zumindest) mir, wenn kein Unterschied mehr gemacht wird.

Bei den Gegenbesuchen in Deutschland wurde mir auch bewusst, wie sehr auch wir alle Engel im Alltag sein können: Sei es nur zu zeigen, welches Ticket man am Automaten lösen muss, oder ein paar Wörter zu übersetzen, damit klar wird, worum es bei der Veranstaltung gerade geht.

Nach den Erfahrungen, die ich im Ausland machen durfte und all den Engeln, die mir geholfen haben, ist es mir ein Anliegen gewesen, Menschen, die zu uns kommen, auch zu unterstützen, sich hier nicht mehr fremd zu fühlen, und auf der anderen Seite Jugendlichen, die nach Tansania gehen, ein paar Sprachkenntnisse mit auf den Weg zu geben, damit sie sich schneller „zu Hause“ fühlen können.

Auch wenn für mich in Tansania nicht immer alles „rosig war“ und ich von Teilnehmern von Jugendbegegnungen in Deutschland gehört habe, dass sie sich trotz dreier erlebnisreicher gemeinsamer Wochen wieder auf ihre Heimat freuten, finde ich es besonders schön zu sehen, wie die Fremde aufhört fremd zu sein und wie wir selber auch Engel im Alltag sein können, damit Fremde sich bei uns willkommen fühlen. Ich denke, das sind Erfahrungen, die nicht nur auf mich zutrafen beim Arbeiten in Tansania und dem Leben in der Gemeinde, sondern die jeder einzelne von uns machen kann. Teil einer Gemeinschaft werden, indem uns Engel im Alltag begleiten, uns aber auch die Möglichkeit eingeräumt wird, selber anzupacken, Dinge auszuprobieren, die Hacke sprichwörtlich in die Hand zu nehmen. Dann ist auch die Fremde nicht mehr fremd.

Helena Funk: Freiwillige in Tansania und WMS-Praktikantin bei missio.

Helena Funk studiert seit ihrer Rückkehr 2013 „Kultur und Gesellschaft Afrikas“ mit dem Kombinationsfach „Wirtschaftswissenschaften“ an der Universität Bayreuth.

MaZ werden!

Wer einmal vom „MaZ-Geist“ angesteckt ist, wird schnell Feuer und Flamme.

Ob in der Vorbereitung, im Einsatz oder nach der Rückkehr: Als MaZ gehörst du zu einer weltweiten Gemeinschaft, die inspiriert, motiviert und trägt.

Nähere Infos finden sich unter www.missionarin-auf-zeit.de. Für Rückfragen steht Jennifer Mumbure (j.mumbure@missio.de),

die die MaZ-Rückkehrerarbeit seitens missio koordiniert, gerne Rede und Antwort!

 

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