Kleine christliche Gemeinschaften – Zukunft der Kirche?!

Die kirchliche Landschaft Deutschlands ist von massiven Umbrüchen geprägt. Zwar sollte Kirche immer eine sein, die sich stets erneuert (ecclesia semper purificanda, wie es das Zweite Vatikanische Konzil im 8. Kapitel der Kirchenkonstitution Lumen gentium ausgedrückt hat), aber die Umstrukturierungen sind doch grundlegender Art aufgrund der offensichtlichen gesellschaftlichen Veränderungen.

Aus kleineren Pfarrgemeinden werden größere Seelsorgeeinheiten
Das Erkennungslogo der Kleinen Christlichen Gemeinschaften im deutschen Sprachraum.
Das Erkennungslogo der Kleinen Christlichen Gemeinschaften im deutschen Sprachraum.

In die Klage vom Priestermangel mischt sich die Redeweise vom Gläubigenmangel, was sich allsonntäglich in mehr oder weniger gut besuchten Gottesdiensten und damit insgesamt leer stehenden Kirchen zeigt. Dadurch sind die Verantwortlichen in den deutschen Bistümern herausgefordert, die gewachsenen pfarrlichen Strukturen den neuen Gegebenheiten und Herausforderungen anzupassen, und das meist auf dem Wege von Zusammenlegungen kleinerer Pfarrgemeinden zu größeren Seelsorgeeinheiten. Vielfach wird Kirche hierzulande somit nur mehr als finanzstarke und gut verwaltete, damit eben aber auch verkrustete Institution wahrgenommen. Dabei sind es nicht allein nur die bloßen Strukturen und das institutionelle Gesicht, die Kirche-Sein ausmachen! Es geht gerade um die lebendige und erlebbare, somit spürbare und erfahrbare Gemeinschaft im Namen des dreifaltigen Gottes, der Mensch wurde in Jesus Christus.

Ein Blick über den europäischen Tellerrand in die Weltkirche hinein kann hier sehr wohltuend und lehrreich sein: Gerade die Ortskirchen Afrikas und Asiens treten trotz der dort vorherrschenden vielfältigen Probleme äußerst lebensfroh und lebendig in Erscheinung, und bei genauerem Hinsehen offenbaren sich hierbei einige positive Erfahrungen in der Seelsorgearbeit, die wertvoll und gewinnbringend sein können für den europäischen Kontext. Konkret ist dabei an das pastorale Modell der Kleinen Christlichen Gemeinschaften gedacht. Dieser auf einer biblischen Spiritualität aufbauende partizipative Weg des Kirche-Seins entstand schon während und verstärkt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) zeitgleich in Lateinamerika, in Asien (hier zuerst auf Mindanao/Philippinen) und Afrika (vor allem im Bereich von Ost- und Südafrika). Eine maßgebliche Rolle spielte hierbei das Lumko-Institut in Südafrika, das viele Arbeitsmaterialien für Kleine Christliche Gemeinschaften erarbeitete und deren Verbreitung engagiert unterstützte.

Kleine Christliche Gemeinschaften vor allem im asiatischen Raum
Ein Treffen Kleiner Christlicher Gemeinschaften im indischen Dumka im September 2015.
Ein Treffen Kleiner Christlicher Gemeinschaften im indischen Dumka im September 2015.

In den letzten Jahren ist das Thema Kleine Christliche Gemeinschaften gerade im asiatischen Bereich sehr virulent geworden. In Indien wird der Aufbau von Kleinen Christlichen Gemeinschaften verstärkt seit Anfang der 1980er Jahre initiiert. Von der Föderation der Asiatischen Bischofskonferenzen wurde 1990 die Verbreitung des AsIPA (Asiatischer integraler Pastoralansatz) propagiert, der ebenfalls auf Kleinen Christlichen Gemeinschaften basiert. So sind bis zum Frühjahr des Jahres 2015 in Indien rund 83.380 Kleine Christliche Gemeinschaften entstanden. Kennzeichnend ist hierbei, dass sich Kirche gerade wesentlich im Alltag, in der Nachbarschaft ereignet d.h. Kirche findet nicht nur einmal pro Woche beim Sonntagsgottesdienst statt, sondern Kirche wird in die Häuser und Wohnungen der Familien gebracht. Kirche ist hierbei nicht allein auf den Priester fixiert, sondern jede und jeder in ihr ist mitverantwortlich. Dabei geht es nicht nur um das Treffen zu Gebet und (Bibel-)Gespräch, um über den gegenseitigen Austausch zu einem vertiefteren Verständnis des Glaubens zu gelangen, sondern im Besonderen um das Sich-Kümmern um seine Mitmenschen, im Generellen um das konkrete gesellschaftlich-soziale Engagement.

Ähnlich verhält sich die Situation auf den Philippinen, ein Land, in dem die Mehrheit (rund 87%) der Bevölkerung der katholischen Kirche angehört. Die Pfarreien sind dort sehr groß und umfassen in städtischen Gebieten 80.000-100.000 Katholiken, auf dem Land zwischen 20.000 und 40.000 Gläubige. Sonntags sind die Kirchen zwar voll, und in den Pfarrzentren gibt es 8 bis 10 Gottesdienste, dennoch besuchen nur rund 15% der Katholiken regelmäßig die sonntägliche Eucharistiefeier. Und die Strukturen und Systeme in zentral organisierten Pfarreien sind nicht geeignet, um den Rest der katholischen Bevölkerung zu erreichen. Die Kleinen Christlichen Gemeinschaften als kirchliche Basisgemeinden haben sich auf den Philippinen zu einem vielversprechenden Modell entwickelt, die Gläubigen zu erreichen und zu ermutigen, ihren Glauben im Kontext des Alltagslebens zu praktizieren. Kirche in dieser Weise erscheint damit als partizipatorische Kirche nicht abgesondert von, sondern als in der Welt verortet!

Großes Potenzial für die Kirche in Deutschland
Eine Frau teilt mit ihrem Sohn die Bibel aus einer mobilen Bücherei in Aguinaldo auf den Philippinen.
Eine Frau teilt mit ihrem Sohn die Bibel aus einer mobilen Bücherei in Aguinaldo auf den Philippinen.

Zur Begleitung dieser Basisgemeinden entstand auf den Philippinen ein eigenes pastorales Zentrum, nämlich das Bukal ng Tipan Pastoral Center in Taytay (Provinz Rizal), das entsprechende Programme und Trainings anbietet und weiterentwickelt. In einem Beitrag für unsere Zeitschrift missio konkret schreibt Estela P. Padilla, eine der Verantwortlichen des Zentrums: Die Basisgemeinden „sind Nachbarschaftsgemeinschaften, die sich regelmäßig versammeln, um als Familie Gottes in der Nachbarschaft stärker verbunden zu werden, um das Leben durch die Liturgie und insbesondere das Bibelteilen miteinander zu teilen und um den Menschen in der Nachbarschaft zu dienen; sie wollen damit ihr Leben besser entfalten und den unzähligen sozialen Themen in ihren Gemeinden und in der Gesellschaft Antworten geben.“ (vgl. missio konkret 4-2015, S. 15).

Die Kurse des Zentrums sind sehr nachgefragt, in der letzten Zeit verstärkt auch von zahlreichen Diözesen Deutschlands. Für die Kirche hierzulande birgt das pastorale Modell der Kleinen Christlichen Gemeinschaften sicherlich einiges an Potenzial. Inwieweit es sich etabliert und in welcher Form, bleibt weiter spannend und ist abzuwarten. Damit aber Kirche – das zumindest ist mehr als deutlich – nicht nur über-lebt, sondern auch als glaubwürdig und authentisch, somit letztlich als überzeugend, attraktiv und anziehend er-lebt wird, muss wieder stärker dasjenige hervortreten, was Kirche im Kern ausmacht: Eine Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam das Wort Gottes leben!

Weitere Informationen finden Sie HIER >>

Weitergehend zur Thematik zu empfehlen: Christian Hennecke/Gabriele Viecens: Der Kirchenkurs. Wege zu einer Kirche der Beteiligung. Ein Praxisbuch. Würzburg: Echter 2016, 168 S., € 12,90.

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