Zwangsheirat mit 9 – Eine Schwester kämpft gegen die Tradition

Als Schwester Marie-Cathérine Kingbo vor elf Jahren von ihrer Heimat Senegal nach Niger kam, war sie über die Situation der Frauen und Mädchen in dem westafrikanischen Binnenstaat schockiert. „Dass die Mädchen dort so jung schon verheiratet werden, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen“, erzählt Kingbo. „Ich dachte, dass sie mindestens 15 Jahre alte sind, aber in Wirklichkeit sind viele Mädchen gerade mal neun und ihre Ehemänner lediglich ein paar Jahre älter.“

Schwester Marie-Cathérine bei ihrem Besuch im Haus der Weltkirche bei missio in München.

Schwester Marie-Cathérine ist gerade zu Besuch in Deutschland, berichtet Hilfswerken von ihrer Arbeit in Maradi – ganz im Süden des Landes – und bittet um Unterstützung für ihre Projekte. Anfang der Woche (24. April) war sie hier bei missio im Haus der Weltkirche zu Gast.

Es ist tief beeindruckend, was die 62-Jährige in den vergangenen Jahren in Niger auf die Beine gestellt hat. Sie gründete sie den Schwesternorden „La Fraternité des Servantes du Christ“, baute eine Schule, in der auch Kinder mit Behinderung unterrichtet werden, startete ein Mikrokreditprogramm für Frauen und gründete eine Getreidebank, die Familien in Zeiten der Dürre versorgt. Von Anfang an suchte sie dabei den Kontakt zu den Muslimen: In Niger sind 95 Prozent der Männer und Frauen muslimisch, die Christen gehören zu einer kleinen Minderheit.

Hier ein kleines Video aus der Schule des Schwesternordens, das uns Marie-Cathérine Kingbo aus Niger mitgebracht hat:

Vor allem mit ihrem sozialen Engagement haben sich die Christen und so auch Schwester Marie-Cathérine in Niger Respekt erworben. „Wir sind hier, weil wir den Menschen einen Ausweg anbieten müssen“, sagt Kingbo.

Hilfe zur Selbsthilfe: Neben klassischer Schulbildung steht für die Mädchen unter anderem auch Gärtnern auf dem Stundenplan.

Ihr neuestes Projekt ist ein Internat für Mädchen. Das Internat soll helfen, die Position der Mädchen und Frauen zu stärken und so nach und nach die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern – ein Herzensanliegen der Schwester. Die Eltern schließen einen Vertrag mit der Schule ab, in dem sie sich verpflichten, die Mädchen nicht vorzeitig aus der Schule zu nehmen, um sie zu verheiraten. „Immer mehr Eltern merken, wie wichtig das Thema Bildung auch für Mädchen ist. Bildung und Ausbildung ebnen den Weg in eine bessere, eigenständige Zukunft.“

Marie-Cathérine Kingbo berichtet stolz, dass sie und ihre Kongregation in den vergangenen Jahren schon beachtliche Fortschritte in diesem Bereich erzielen konnten. „Wir haben es zum Beispiel geschafft, ganze Dörfer auf das Problem der verfrühten Heirat und der Zwangsehen aufmerksam zu machen“, betont die Schwester.

Der Speisesaal der Schule: Viele Familien seien so arm, dass sie ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule schicken müssten, berichtet Kingbo.

Zunächst hätten sie mit den jungen Mädchen selbst gesprochen und sie darüber aufgeklärt, dass sie nicht so jung heiraten müssen, wenn sie nicht wollen. „In so traditions- und religionsreichen Dörfern funktioniert das natürlich nur, wenn auch die Eltern und Religionsführer zu Veränderungen bereit sind. Erstaunlicherweise haben wir es durch Gespräche und auch durch den Widerstand vieler Frauen geschafft, dass die Mädchen bei ihrer Hochzeit mittlerweile mindestens 14 Jahre alt sind. Das mag für europäische Verhältnisse noch immer absurd erscheinen, aber für uns ist es ein Anfang.“

Marie-Cathérine Kingbo ist seit vielen Jahren Projektpartnerin von missio München. In mehreren Ausgaben des missio magazins haben wir schon über ihr Engagement und ihren Einsatz berichtet, so unter anderem in der Dezemberausgabe 2013 und Februarausgabe 2014.

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